Um 9.00 legte das kleine Wassertaxi in Picton ab. Es war ein kleiner motorisierter Katamaran von dem Unternehmen "Endeavour Express". Der Kaptain war sehr nett. Sechs andere Leute waren mit mir an Bord, die aber alle nur eine Tagestour unternehmen wollten. Ich dagegen hatte meinen Rucksack, mein Trinkbeutel war gefüllt und meine Umhängetasche war auch dabei. Ich hatte vor, den malerischen Queen Charlotte Track zu wandern. 71 Kilometer in 4 Tagen.
Nach einer Stunde Fahrt legen wir am Steg in der Ship Cove an. Jener Ort, wo Captain James Cook vor drei Jahrhunderten vor Anker ging, um zum ersten Mal Fuß auf die Südinsel zu setzen. Hier findet man auch ein (eher hässliches) Denkmal mit der Geschichte.
Um Punkt 10.25 marschiere ich los. Die ersten paar Kilometer gehen steil bergauf. Der Urwald ist sehr dicht und wieder dieser teils ohrenbetäubende Lärm der Insekten. Es ist stark bewölkt und ein leichte erfrischende Brise weht. Das sind sehr gute Bedingungen fürs Wandern. Denn man kommt schnell ins Schwitzen. An der Spitze des Anstiegs angekommen treffe ich das ältere Ehepaar wieder, das auch in meinem Wassertaxi war. Sofort kommen wir ins Gespräch. Sie sind aus Queensland, Australien und sind mit dem Schiff von Sydney nach Neuseeland rüber gekommen. Anfang siebzig sind beide und äußerst gut in Form, wie ich herausfinde, denn wir machen uns zusammen auf den Weiterweg. Das ist ganz schön, denn so habe ich Gesprächspartner und die zwei gehen ein sehr moderates Tempo, das mit meiner Ladung hinten drauf nicht allzu sehr anstrengt. Wir sprechen über Neuseeland, die Natur, Universitäten, Sport und vieles mehr. Sehr nett!
Gegen Mittag machen wir an einer Bank Stop, um ein wenig was zu essen.
Der kleine Pfad schlängelt sich durch das Dickicht, hoch und runter (der Großteil der heutigen Strecke jedoch flach), an Bächen und einsamen Buchten entlang und ab und zu läuft einem ein "Wacker", ein Kiwi- oder Huhn-ähnlicher flugunfähiger Vogel, der gerne Sachen klaut, über den Weg. Faszinierend.
Gegen 14.00 erreichen wir schließlich das Endeavour Inlet, eine äußerst schöne Bucht mit mehreren Unterkünften. Die beiden Australier biegen dann zu einer der Unterkünfte am Anfang der Bucht ab, um dort ihr Wassertaxi zurück nach Picton zu nehmen. Ich wandere noch 20 Minuten weiter und erreiche nach einer kleinen Hängebrücke das "Woolshed". Adrienne, die Besitzeren, empfängt mich herzlich und schenkt mir erstmal zwei selbstgemachte Muffins. Dann beziehe ich das "Hut", meine kleine Hütte (in der drei Betten und eine Miniküche sind; bin aber alleine) und mache mir zu den Muffins einen Tee. Jetzt fühle ich mich ordentlich müde und lege mich erstmal hin, froh das Gewicht von Rucksack endlich von meinen Schultern herunter zu haben. 16 Kilometer sind geschafft; das war Etappe 1 (knappe 4,5h).
Meine Unterkunft liegt knappe 50 Meter vom Meer entfernt und ringsherum ist eine Art Kornfeld. In der Sonne, die mittlerweile rausgekommen ist, leuchtet das Feld golden und der warme Wind streicht durch die Ährenplanzen. Ein paar Hühner laufen auch herum. Ach, hier könnte man doch für immer bleiben.
Später erfahre ich von Adrienne, dass sie ein Kajak hat, welches ich am Strand finden und frei benutzen kann. Gute Idee! So mache ich dies. Eine kleine Rundfhart von 15 Minuten durch die Bucht und dann wieder zurück, weil sich das Wetter wieder ein wenig zuzieht. ..Ich liebe Kajaken!
Da ich mir Abendessen und Frühstück mitgebucht habe, hat mir Adrienne zwei Körbe gegeben. Der eine gefüllt mit Marmelade, frischem, selbstgebackenem Brot, Milch, Yoghurt, Müsli und Früchten für das Breakfast. Der andere gefüllt mit einer Zwiebel, zwei Kartoffeln, einer Dose baked beans, Salat und Eiern. So muss ich mir also jetzt was einfallen lassen, wie ich das ganze kochkünstlerisch verarbeite: Die Kartoffeln brate ich leicht an, so auch eine dreiviertel Zwiebel, dann eine halbe Dose Beans dazu und fertig ist der erste Teil. Dann mache ich mir Salat dazu und probiere das Brot. Ausgezeichnet! Zwei von den Eiern hebe ich mir für morgen früh auf, die anderen drei versuche ich zu kochen. ... Tja, da ich keine Ahnung habe, wie man Eier wirklich kocht, passiert folgendes: Ich hole die Eier viel zu früh aus dem Topf, schrecke sie ab und merke dann beim Öffnen des ersteren, dass die noch so gut wie flüssig sind... Verdammt! .. Da ich auch keine Ahnung habe, ob man Eier zwei mal halb kochen kann, anstelle sie einmal ganz zu kochen ( :D ), entschließe ich sie in der Bratpfanne weiterzuverarbeiten ( :D ). Naja, ein Ei bleibt ganz... So habe ich nun ein Spiegelei und zwei mal Rührei (und beides gleichzeitig in ein und der selben Pfanne gemacht - erstaunlich, nicht wahr?? Da wäre glaube ich sogar ein Starkoch mit seinem Latein am Ende...). Schmeckt auf jeden Fall gut. Und dann habe ich die ganze Zeit auch Musik nebenher laufen, was alles miteinander äußerst gemütlich macht. Und dann mit dem Blick auf das Endeavour Inlet aus dem Fenster... super! ... Abwasch und dann so langsam ins Bett; morgen steht eine neue Etappe an.
Nach zehneinhalb Stunden Schlaf fühle ich mich nun extrem gut. Das erste, was ich mache, ist die Musik und den Wasserkocher anzustellen. So fühlt es sich absolut wie zu Hause an. Nun mache ich mir mein Frühstück. Das Wetter schaut nicht so prickelnd aus, macht aber nichts. Es kann nur besser werden.
Mein Frühstück wird richtig üppig! Zwei Portionen Müsli (Nüsse, Rosinen, Körner etc.) mit Yoghurt und eingemachten Aprikosen zum Start. Dann 6 Scheiben von dem selbstgemachten Brot mit ausgezeichneter Marmelade. Und dann mache ich mir noch die zwei Eier ... Und, AHAA. Der Mensch ist also lehrnfähig! Ich lasse sie lange genug im Topf und diesmal sind die Eier gut hartgekocht. Ja, so gehört sich das. Ich esse aber schließlich nur das eine von zwein, weil ich schon ziemlich voll bin und werde mir das andere als Proviant mitnehmen. So auch der Rest vom Brot.
Nach einer angenehmen Dusche mache ich es mir ersteinmal gemütlich. Die heutige Etappe wird nur 12 Kilometer lang und so muss ich nicht zu früh los.
... Ich fühl mich ausgezeichnet und war selten derart glücklich in letzter Zeit. Das ist Urlaub...
Die zweite Etappe geht leicht wellig immer schön an Buchten entlang. Sie ist von hellen, beige-farbigen, eher sandigen Wegen, von Sandstein-artigen Platten, Felsen und Steinen und von mehr Offenheit geprägt. Das heißt, dass um mich herum eher Gras- und Buschland zu finden sind, als dichter Urwald. Das ist eigentlich ganz schön, denn so werde ich heute kaum von den Mega-Zirpern belästigt.
Um 11.35 bin ich dann schließlich vom Woolshed aufgerbochen. Adrienne hat mich dann herzlich verabschiedet und viel Spaß gewünscht und ich bin bei frischem Wind und bewölktem Wetter losmarschiert.
Nun komme ich in gutem Tempo voran und die Ausblicke in die Sounds sind fantastisch. Die Abschnitte, wo ich heute durch dichteren Urwald komme, kommen mir sehr verwunschen vor: Viele kleine Brückchen über sprudelnde Bachläufe, schwarze, unheimliche Bäume, Baumhöhlen, hölzerne Ranken und Lianen, wunderschöne Riesenfarne und dann oft ein steinig, vermooster Weg. Das alles erinnert mich stark an so manche Herr der Ringe Szene. Echt schön!
Nach zwei Stunden und vierzig Minuten reiner Gehzeit und ein wenig mehr als einer halben Stunde Essens- und Photopausen, erreiche ich das Punga Cove Resort, meine nächste Unterkunft. Das hier ist schon etwas schicker. Hier gibts einen Pool, ein Restaurant, eine Bar, kleine Bungalows, in denen man wohnt, etc. Ich habe ein kleines einfaches Zimmer mit Stockbett für mich allein. Die Bucht, Punga Cove, ist äußerst malerisch: glasklares grün-blaues Wasser, ein paar Segelboote liegen hier vor Anker und man hat einen herrlichen Ausblick. Nicht schlecht!
Nach einem guten (und leicht teuren) Abendessen (Bruschetta, Marlborough Muscheln und Tiramisu), gehts heute wieder früh ins Bett. Auch die Buchten und Berge um uns herum legen sich langsam schlafen. Sie liegen jetzt äußerst still da, das Wasser ist komplett ruhig, eine kaum merkbare Brise streicht durch die Bäume und die Abendsonne, die sich am aufklarendem Abendhimmel blicken lässt, taucht die Bergspitzen in ein warmes Licht. Gute Nacht, Marlborough Sound!
Die nächsten und abschließenden zwei Etappen werden nicht einfach werden. Aber es wird schön werden und es wird ein Abenteuer werden.
...Fortsetzung folgt...
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