Sonntag, 5. Februar 2012

Wellington, Picton und Marlborough Sound TEIL 4

Nach einer kalten Nacht (ich fror etwas), aber mit ausreichend Stunden an Schlaf, mache ich mich nach einem kurzen Frühstück um Punkt 9.06 auf den Weg. Die erste halbe Stunde geht erstmal nur bergauf. Das bringt einen ordentlich außer Atem. ...Warum so viel bergauf? Ganz einfach: der Wanderweg führt an dieser Stelle nun weg von den Buchten und den Stränden und schließlich glückerlicherweise auch raus aus dem dichten Urwald (so habe ich die Zirp-Viecher vom Hals) und schlängelt sich empor auf einen Sattel. Den Kenepuru Saddle. Von dort folgt der Weg heute weiter über die Bergrücken und über weitere Sättel mit wunderschönem Ausblick auf zwei Sounds, nach rechts und nach links. Es geht heute ordentlich profiliert zu. Einige steile Bergaufpassagen, einige steile Bergabstücke. Das ist heute nicht leicht, vor allem, da mein Gepäck auf den heutigen 25 Kilometern (dies ist die längste Etappe meiner Wanderung) immer schwerer und schwerer zu werden scheint. Aber ich halte das trozdem tapfer durch.
Der breite Pfad hat nun lehmig sandigen Boden und ab und zu eher Wiese und herrlichen, mit Nadeln bedeckten Waldboden als Untergrund. Das verrät auch schon die Umgebung. Kein dichter, dunkler, grüner Urwald mehr, sondern lichter Nadelwald. Und es duftet wieder so wunderbar. So geht es eigentlich die ganze erste Hälfte der Wegstrecke. Ab Mittag, nachdem ich bereits zwei gute Pausen mit leckeren Snacks und Energieliferanten hinter mir habe, kommt sogar die Sonne ein wenig heraus und begleitet mich ein Stück (die Bewölkung ist im großen und ganzen überhaupt nicht schlecht, da es so nicht zu heiß oder zu stickig wird!). Erstens das, und zweitens wechselt die Umgebung zu mannshohem Buschland und steilen Berghängen. Später, auf den letzten 6 Kilometern (die Zeit vergeht im Schneckentempo!!) wandere ich dann durch lichten, hellen Laubwald. Sehr schön. Vieles wirkt unecht, oder wie etwas, was man nur aus Filmen kennt. So auch oft der Weg. Steinig und etwas moosig und manachmal gesäumt von niedrigen Nadel- oder Laubbäumen, die sich wie eine Allee um den Pfad schließen - das erinnert wiederum an Peter Jacksons Meisterwerk um die Hobbits.

Endlich, am Torea Saddle angekommen (mir kommt es wie eine halbe Ewigkeit vor), kommt ein Wegzeichen, dass das Portage Bay Hostel ausweist. ... Wenig später, nach gesamt fünfeinhalb Stunden Wanderung (8 bis 9 Stunden waren nach der Karte ausgeschrieben) erreiche ich meine wunderschöne Unterkunft. Sie liegt am Strand der Portage Bay und hier gibt es sowohl das Hostel, als auch ein Resort Hotel. So ist es gut elegant. ...
Jetzt sitze ich in der Lounge neben der Bar auf einem weichen roten Sofa und benutze das Internet. Leichte Jazzmusik läuft im Hintergrund. Und ich werde jetzt, nachdem ich einen sehr gesunden Burger und einen hausgemachten Kuchen als Abendessen hatte, sehr sehr bald ins Bett gehen, da sich meine Beine und Füße bleischwer anfühlen und ich hundemüde bin. Die 25 Kilometer zeigen ihre Wirkung (haben sie auch schon auf den letzten 8 Kilometern meiner Wanderung).
Morgen gehts auf den letzten Abschnitt, der mich nach Anakiwa führen wird, von wo aus ich wieder ein Wassertaxi zurück nach Picton nehme. Nocheinmal 20 Kilometer erwarten mich. Aber dieser letzte Teil des berühmten und schönen Queen Charlotte Tracks soll der schönste Abschnitt sein. Ich bin gespannt.

...

Am Morgen fühle ich mich wieder gut und das Frühstücksbuffet ist super lecker und ausreichend. Nur das Wetter schaut alles andere als gut aus. Für heute war schönes Wetter angesagt. Tja, genau das Gegenteil ist jetzt der Fall. Die Wolken hängen verdammt tief und die umliegenden Hügel sind alle von Weiß umhüllt. Die Luft ist extrem feucht. Das Wetter hat sich also nochmal verschlechtert, anstatt verbessert.
Nachdem ich nocheinmal in der Lounge im Internet gesurft habe, checke ich aus und mache mich um 9.30 auf die Socken.
Die erste dreiviertel Stunde geht es erstmal steil bergauf. Keine Pause angesagt. Nach 20 Minuten habe ich die Wolken erreicht und ich tauche ein in das feuchte Weiß. Es ist anstrengend, sehr anstrengend: Der Untergrund ist rutschig. Die Luftfeuchtigkeit beträgt 100%. Der Schweiß rinnt mir die Stirn und die Schläfen hinab und tropft von der Nasenspitze und vom Kinn hinab. Mein Herz pocht hart gegen die Innenseite meines Brustkorbs. Und es ist totenstill. Das einzige, was man hört, ist mein schwerer Atem, meine schweren Schritte und die schweren Tropfen, die im Blätterwerk ringsherum platschend hinabfallen. Ab und zu pfeift ein Vogel. Aber sonst umhüllt mich das weiße Nichts und schneidet mich von der Außenwelt ab. Ich habe kein Zeitgefühl. Ich setze Schritt vor Schritt, immer weiter. Man sieht keine 50 Meter weit. Und es geht immer noch bergauf. Dann hört man mal ein Motorboot irgendwo in der Tiefe in dem wabernden Wolkensee.
Endlich scheine ich den höchsten Punkt erreicht zu haben. Oh danke, dass dieser Anstieg endlich vorüber ist. Hier oben sind kaum Bäume und im ersten Moment denke ich, es läge Schnee. Doch die grau-grünen Gräser überall sind alle mit unzähligen Tropfen bedeckt, sodass alles weißlich schimmert. Wunderschön. Ich versuche etwas zu sehen. Aber da ist nur weiß. Man könnte meinen, man steht auf einem 7000 Meter hohen Gipfel und die Tiefe ringsherum ist ungemein...
Der Abstieg ist genauso lang wie der Aufstieg. Meine völlig durchweichten Sachen werden bei der Feuchtigkeit nur langsam wieder trocken. Schließlich erreiche ich flache Pfade. Hier lässt es sich besser marschieren. Ich weiß nicht genau, wie lange ich für den heutigen Marsch brauchen werde, aber ich muss in jedem Fall um 16.00 in Anakiwa sein, um mein Wassertaxi zu bekommen. Also trödel ich nicht zu sehr (obwohl ich weiß, dass ich die angegebene Wanderdauer immer leicht unterbiete [heute sind 6-8 Stunden für die 20 Kilometer angegeben]).
Ein wenig später mache ich endlich meine erste Pause. Ich muss neue Energie tanken. Ich sitze hier also auf einem Baumstumpf am Wegesrand und lausche der Stille. Auch stelle ich mir vor, was wäre, wenn um die Kurve da vorne aus dem Nebel plötzlich schwarze Reiter kommen würden (Anspielung auf 'Herr der Ringe') - aber es kamen keine. So setze ich nach zehnminütiger Rast meinen Weg fort.
Als ich schon optimistisch werden will, als es ein wenig heller zu werden scheint, wird mein aufkeimender Optimismus umgehend von einsetzendem Nieselregen getrübt.
Irgendwann, es scheint eine Ewigkeit gedauert zu haben, erreiche ich die Markierung, die mir sagt, dass ich noch 11 Kilometer vor mir habe. Der harte, anstrengende Teil der heutigen Zieletappe ist somit hinter mir gelassen und jetzt geht es leicht wellig über die Bergrücken, fast wie auf einem Drachenschwanz entlang, hinab nach Anakiwa. Hier lasse ich es sehr locker angehen und gehe in gemütlichem Tempo weiter, denn ich weiß, dass ich es jetzt locker bis Anakiwa weit vor 16.00 schaffe (Ich habe die erste Hälfte statt der angegebenen vier Stunden in zweieinhalb Stunden absolviert - Respekt!).
Kurz vor meinem Ziel komme ich noch an einer wunderschönen Bucht vorbei. Ein langer Strand breitet sich hier aus und die Wiese ist als Campinggrund ausgewiesen. Hier bleibe ich ein wenig und genieße das heute weniger schöne Wetter. Aber ich muss letztlich sagen, dass das überhaupt nichts gemacht hat. Denn so war es abenteuerlich und erlebnisreich. Ein Abenteuer ist es nämlich immer nur dann, wenn unübliche oder außergewöhnliche Bedingungen vorliegen. Das war definitiv der Fall! Mit schönem Wetter wäre es ja eher eine Art normaler Urlaubs-Wanderausflug geworden. So war es spektakulär. Es hat mir gefallen! Vier Tage Anstrengung, einzigartige Natur pur und ein völlig unbeschwertes Gefühl (aber nur das Gefühl, nicht das Gepäck...).

... Dann erreiche ich die "1-Kilometer-Marke". Die letzten 1000 Meter von ganzen 71 zu Fuß zurückgelegten Kilometern über Stock und Stein und durch verschiedenste Umgebungen und Bedingungen. Das ist schon irgendwie besonders! ... So wird plötzlich auch das Gepäck unbeschwert. Ich laufe los im flotten Joggingtempo. Ja, das Ziel kommt näher. Und dann ist es erreicht! Yippie! Geschafft. (vierdreiviertel Stunden reine Gehzeit!)

Nun entspanne ich in meinem Hostel in Picton. Das Wassertaxi hatte mich gut wieder zurückgebracht. Auch ein gutes Omlette habe ich bereits als Abendessen verzehrt. Morgen verbringe ich den Tag noch hier und werde dann später wieder nach Wellington zurückkehren.

...Fortsetzung folgt...

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